Andere Leute kaufen auch Ingwer.

Ob die Leute wohl ahnen, was ich mit der Ingwerknolle vorhabe? Ich wiege sie langsam in meiner Hand, aus dem Supermarkt-Radio dröhnt „Up From the Bottom“ von LinkinPark, wie passend. Ich bin mir sicher, dass auf meiner Stirn geschrieben steht, dass diese Ingwerknolle nicht für eine Teetasse bestimmt ist. Diese Ingwerknolle hat ein anderes Schicksal vor sich und es wird ihr nicht gefallen. Also nur für den Fall, dass Ingwerknollen Gefühle haben. 

Ich kann die Blicke der Leute um mich herum spüren. Vielleicht aber auch nur, weil ich schon minutenlang verschiedene Ingwerknollen in der Hand habe. Ein prüfender Blick, ohne zu wissen, was ich eigentlich prüfe. Vielleicht starren die Leute aber auch nur in meinem Kopf. Passiert mir häufig. Eigentlich ist es einfach nur ganz viel Unsicherheit, die sich über alle Bereiche meines Lebens wirft, wie eine warme Decke an einem kalten Novembertag. Nur halt nicht die kuschelige Decke, sondern eine kratzige Decke aus dem Restposten der Bundeswehr, ausgemustert, vermutlich voller Flöhe, die einen unruhig werden lassen, obwohl man sich eigentlich nur aufwärmen wollte. 

Zum Glück bin ich nicht in meinem Zuhause-Supermarkt. Es fühlt sich fast so an wie damals, als ich zu Schulzeiten meine ersten Kondome kaufen ging. Im Gepäck die Vorratspackung Scham, die für alle im Laden gereicht hätte. Bloß nicht an der Kasse erkannt werden. 

Ganz so schlimm ist es dieses Mal zum Glück nicht. Andere Leute kaufen auch Ingwer. Ohne Hintergedanken. Und trotzdem spüre ich, wie sich unter meinen Achseln Schweiß bildet. Der fiese Schweiß, der nach Angst und Stress riecht. Kenne ich sonst nur, wenn ich mal etwas beim Sexshop bestellt habe. Die verpacken ja zum Glück alles neutral, aber da war jedes Mal die Angst, dass die Nachbarin von oben das Paket annehmen und öffnen könnte. Zum Paketshop bestellen war auch nicht besser. Was, wenn die merkten, dass es keine typische Zalando-Bestellung war?

Ok, raus aus diesen Gedanken. Ingwer kaufen. So schwierig kann das nicht sein. Die einzige Frage war halt, wie groß diese Knolle sein muss. Das hatte ich vergessen zu recherchieren. So doof. Dabei hatte ich alles andere auf Foren nachgelesen, weil ich nicht völlig uninformiert dastehen wollte. Vor allem nicht, weil Mario wirklich etwas Besonderes ist. 

Eigentlich bin ich ja der Überzeugung, dass Romantik mit Dating-Apps und den darin versteckten digitalen Fleischtheken gestorben ist. Ermunterungen aus dem Freundeskreis, man müsse seine Erwartungen runterschrauben, trafen auf einen Haufen polyamouröser Menschen, die dringend Bestätigung suchten und chronisch Angst vor Entscheidungen hatten. Clubs waren voll halbnackter Menschen, betrunken, high oder beides, die primär Sex wollten. Das suchten alle, konstant. Was blieb, waren meist ein paar dreckige Socken auf dem Boden einer unterkühlten Einzimmerwohnung im Altbau.

Mario habe ich im Café getroffen, völlig zufällig. Wir haben uns gesehen, angelächelt, schüchtern, über den Rand des Laptops hinweg. Dann noch einmal, dann wieder. Irgendwann war er aufgestanden, um einen neuen Kaffee zu bestellen. In einem Anflug von Wahn hatte ich mich hinter ihn in die Schlange gestellt. Was ich bestellen wollte? Keine Ahnung. Das war ja nicht das Ziel. War einfach etwas unangenehm, als ich auf mehrfaches Nachfragen keine Antwort hatte. Hochroter Kopf, ich wäre am liebsten im Boden versunken. Mario hatte das nicht gestört. Er setzte sich zu mir mit seinem Latte mit Hafermilch. Ich hatte mir aus Panik einen Amerikano bestellt, extrem bitter, aber ich werde jetzt wohl für den Rest meiner Zeit mit Mario so tun, als sei das mein Lieblingsgetränk. 

Erste Interaktionen sind normalerweise wie ein Skript aus einem sehr schlechten Film. Man spult es ab, hört halbherzig zu, wünscht sich den „Skip Intro“ Knopf von Netflix im echten Leben. War ohnehin immer alles sehr ähnlich, was einem die Typen erzählten. Start-up, Künstler, Politik. Alle gezwungen individuell aber in ihrer Individualität extrem konform. Alle fanden sich gerade selbst. Viele probierten alle möglichen Drogen aus. Ich war meistens emotional raus aus dem Gespräch, bevor es angefangen hatte. Mario ist anders. Er wollte mit mir darüber reden, was ich gerade schrieb. Wir waren tief in Diskussionen übers Schreiben und Bücher vertieft, obwohl ich weder wusste, was er beruflich machte, wie sein Haustier hieß, was sein Sternzeichen war oder welche Kindheitstraumata er gerade aufarbeitete. Verrückt. Vermutlich auch der Grund, warum ich gar nicht darüber nachgedacht hatte, als er fragte, ob wir uns wiedertreffen wollen. Na klar. Nach zwei weiteren Dates stand dann „Neflix & Chill“ bei mir auf dem Programm. Und ich freute mich drauf. 

Die einzige Frage, mit der ich nicht so viel anfangen konnte, war das, was mir nun im Supermarkt zum Verhängnis wurde: „Wärst du ok mit Figging?“ Einfach so. Ohne Kontext. In meinem Kopf war die Schaltzentrale schon längst aus einer Mischung aus Horny und Happy Emotionen übernommen worden. Nichts stoppte meine vorschnelle Antwort: „Immer doch 😏“. Die Rückmeldung kam prompt: „Cool. 😏 Hast du alles dafür da?“ Ohne zu reflektieren tippte ich „Klar.“ Es folgte nur ein: „Top. Bis später. ”

Wozu hatte ich gerade zugestimmt? Mein Handy-Akku hatte nur noch 7%. Blödes Handy. Welcher Vollidiot erfand ein mobiles Gerät, was aber ständig an einer Steckdose hängen musste? In meinem Kopf hatte er ganz klar „Fucking“ schreiben wollen. Passte aber nicht dazu, wie er sonst kommunizierte. Vielleicht doch kein Typo. Was meinte er? Und warum hatte ich direkt zugestimmt?

Also googelte ich „Figging.“ Gibt es. Hat nichts mit Feigen zu tun, erklärten mir die Foren. Jetzt stehe ich hier am Ingwerregal auf dem Weg nach Hause, unsicher, ob ich das Treffen heute Abend absagen soll oder nicht. Vielleicht hat er sich doch verschrieben. 

Wie viel Ingwer braucht man? Eher eine lange oder eine dicke Knolle? Besser zwei kaufen, um auf Nummer sicher zu gehen? Und Vaseline? Ist es für mich oder ihn? Ich wusste, ich wollte das nicht. Aber wenn es für ihn war, dann wäre es mir irgendwie egal. Konnten ja alle machen, was sie wollten. Ich wiege die Ingwerknolle in meiner Hand. Neue Dinge probieren. Dann war das halt so. Bei irgendwem würde diese Ingwerknolle heute temporär ein neues Zuhause finden. 

(Tausend Dank an Das Kunstlose Brot für die Illustrationen!)